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Das große Schweigen über Ereignisse in seiner Familie im geschichtlichen Umfeld des 20. Jahrhunderts
hat den damals jungen Mann aus der kleinen Stadt vertrieben.
Als aufstrebender, manchmal egoistischer Naturwissenschaftler hofft er,
in den Mangroven und der paradiesischen Schönheit der Karibik seine Heimat zu finden.
Doch er bleibt ein Suchender.

Als alternder Mann wird er beim Bestreben,
seine Selbständigkeit und Unabhängigkeit durch tägliche Wanderungen zu erhalten,
mit der eigenen Vergangenheit und mit der seiner Familie konfrontiert.
Im Wissen um die eigene und unvermeidliche Endlichkeit findet er zu sich und zu seinen Wurzeln.

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LESEPROBE

Alter Scheißer. So hatte sie ihn genannt. Alter Scheißer! Der Auslöser für diesen wortgewaltigen Ausbruch war nichtig,
unbedeutend. Bedeutend war einzig, dass Stella das so ausgesprochen hatte:
Alter Scheißer!
So klar, so erbarmungslos, so herabwürdigend.
Selbst im aggressivsten Streiten – und das war häufiger, als beide wollten –,
auch in eher berechtigten Situationen hatte sie ihn bisher nie so respektlos gedemütigt.
Er wunderte sich über sich selbst und seine Reaktion:
Er war ruhig geblieben, innerlich und äußerlich, vollkommen nüchtern und distanziert.
Als ob er ein Zuseher bei einer Inszenierung wäre, stiller Beobachter der szenischen Gestaltung einer ehelichen Tragödie.
Als ob er sich und sein Verhalten dabei selbst beobachten würde.
Doch es war real. Eine Realität, die alles andere ringsum,
Gegenwart und vergangenes gemeinsames Leben, plötzlich verblassen ließ.

Es kam aber nicht ganz unerwartet.
Sie hatten es nie angesprochen, waren beide diesem Thema stets ausgewichen.
Aber er wusste, sie würde nicht seine Pflegeperson werden wollen,
vielleicht sogar Tag und Nacht an ihn und seine Bedürfnisse, an seine Befindlichkeiten und Launen gefesselt sein.
Nicht dass er jetzt Betreuung und Pflege benötigte. Er war immer noch in guter Verfassung, körperlich und geistig.
Jedenfalls in seiner Wahrnehmung. Gleichaltrige lagen bereits lange auf dem Gottesacker.
Allerdings kam es immer häufiger vor, dass beides, Körper und Geist, von Stella in Frage gestellt wurde.
Nicht ganz zu Unrecht. Es ließ sich nicht leugnen: Er war tatsächlich bereits Mitte siebzig.
Aber dafür war er eigener Ansicht zufolge gut beisammen. Fast fit.
Wohl etwas ungelenk, die körperliche Kraft und Belastbarkeit schon merkbar verringert.
Dazu ein wenig Vergesslichkeit, gelegentliche Wortfindungsstörungen.
Der Kalender spricht eine klare Sprache: Es war eine schlichte Tatsache, dass er älter geworden war
und nun allmählich der Schlussphase seines Lebens entgegenging.
Einem Lebensabschnitt, der noch vor ihm lag – und wie er glaubte, noch weit vor ihm.
Es gab noch lange keinen Grund, die Urne auszusuchen oder einen Termin im Krematorium vorzumerken.

Während er diesen Gedanken nachhing, standen Stella und er sich weiter in der Küche gegenüber.
Er mochte es, wenn sie zornig war. Flammende Augen und gespannte, leicht gerötete Gesichtszüge
machten sie unwiderstehlich anziehend.
Immer wenn er sie so sah, spürte er einen überschwänglichen Drang, sie liebevoll zu umarmen.
Das Anziehende weckte in ihm den gegenteiligen Wunsch:
In solchen Situationen begehrte er sie.
Er hatte ihr das nie gesagt; und das war wohl auch besser so.

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INFORMATIONEN ZUM BUCH

Gregor Wollenek
VERWURZELUNG
Verlag am Sipbach, ISBN: 978-3-903259-68-3
1. Auflage Februar 2026
Softcover mit Klappen
148 Seiten, € 21,90
 

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